Stani ist weg. Truller auch. Asa und Sir Charles Takyi vermutlich auch. Die Reihen beim FC St. Pauli lichten sich. Mittwochabend feierten Florian Lechner und Marcel Eger ihren Abschied. Im verflixten siebten Jahr. Da die beiden braun-weißen Urgesteine keine offizielle Abschiedsbegegnung vom Verein bekamen, wurde kurzerhand ein Spiel initiiert. Von ihrem Kumpel und ehemaligen Pauli-Spieler Marvin Braun. Über Facebook wurde eingeladen und prompt kündigten sich immer mehr Fans an, die diesen beiden Sympathieträgern „die letzte Ehre“ erweisen wollten.
„Lelle“ und „Egi“ gaben in ihren sieben Jahren am Millerntor immer alles für den Verein – aber noch wichtiger: sie gaben den Fans das Gefühl, das oft beschriebene Gefühl vom „Mythos St. Pauli“ aufzusaugen und zu leben. Sie wurden zu echten „Jungs im Viertel“, Identifiktaionsfiguren eben.
„Mit wenig Spielern konnte man sich so gut identifizieren wie mit diesen beiden Sympathieträgern“, sprach Jörn aus Altona etwas melancholisch. Eine Spezies, die im modernen Profi-Fußball vom Aussterben bedroht zu sein scheint.
In der Adolf-Jäger-Kampfbahn zu Altona sollte also dieser kleine Abschiedskick stattfinden. Was sich am Mitwochabend in der Spielstätte des SC Altona 93 abspielte, übertraf vermutlich jegliche Erwartungen. Es fehlte an nichts. 5.000 Fans sorgten für echte Millerntor-Stimmung, Bengalos wurden gezündet, Sky-Reporter Rolf Fuhrmann kommentierte live vom Spielfeldrand und guter Fußball wurde auch noch gespielt.
Im „Team Lechner“ spielten u.a. Marius Ebbers, Thomas Meggle und Michél Mazingu-Dinzey. Das „Team Eger“ war gespickt mit Spielern wie Viva con Agua-Gründer Benny Adrion, “Wir sind Helden”-Musiker Mark Tavassol und St. Pauli Pressesprecher Philipp Bönig.
Die Begegnung auf dem ungewohnt holprigen Rasen wurde selbstverständlich zur Nebensache und endete mit einem gerechten 5:5 unentschieden, wobei das Team Eger einen 6:5-Sieg für sich reklamierte. Bis heute ist der genaue Endstand nicht geklärt. Auf der Ersatzbank floss während der 90 Minuten bereits Bier als „isotonischer Durstlöscher“. Den Spielern war nach der eher enttäuschenden Saison mit dem Bundesliga-Abstieg anzumerken, dass sie den Negativ-Stress hinter sich lassen und ihre beiden Kumpels würdig verabschieden wollten.
„Nach dem traurigen Abstieg ist das doch ein gelungener Saisonabschluss. Mit dem Altona 93-Stadion ist genau die richtige Kulisse spontan gewählt worden“, sagte Frank, Pauli-Fan aus Winterhude und freute sich über die tolle Stimmung.
Der Eintritt war frei. Es sei denn, die Besucher wollten für gemeinnützige Dinge, wie zum Beispiel für die Trinkwasserinitiative Viva con Agua, spenden – typisch St. Pauli eben. Die „Klingelbeutel“ der Spendensammler klangen zum Ende sehr voll, von Spenden im fünfstelligen Bereich war die Rede.
Beim Stand von 5:5 gab der kurzerhand zum Schiedsrichter umfunktionierte Timo Schultz zunächst Florian Lechner die Rote Karte, kurz darauf dem anderen Ehrengast, Marcel Eger. Beides natürlich wegen extrem „rohen Spiels“. Als die beiden dann auf ihre verdiente Ehrenrunde liefen, erklang ein sentimentales „You’ll never walk alone“ von den Rängen und es flossen Tränen allerorts. Der bullige Verteidiger Lechner weinte zum Ende seiner Rede und Eger bedankte sich bei den treuen Anängern für diesen wunderbaren Abschied und lud alle für ein Abschiedsbier auf die Anschluß-Party ins Knust ein.
Auf die Frage, welcher Verlust denn nun größer sei, entgegnete Mittelfeldspieler Timo Schultz: „Eindeutig der menschliche. Ich bin bei Lelle’s Hochzeit Trauzeuge gewesen. Wir haben den Aufstieg zusammen erlebt. Die geilen DFB-Pokalspiele. Das schweißt zusammen und es ist traurig, dass zwei echte Bestandteile diesen Club verlassen.“
Für den Abwehrhünen Eger geht es vielleicht auf die Insel, er hat Kontakte zu einem Club in der First Division in England. Den Liebhaber britischer Gitarrenmusik dürfte die englische Lebenskultur sicher erfreuen. Rechtsverteidiger Lechner verlässt Hamburg vermutlich Richtung „Down Under“.
Vielleicht nicht die schlechteste Idee der beiden, ihre Liebe St. Pauli erstmal weit hinter sich zu lassen. Denn sie wissen ja sehr gut, dass sie nie alleine gehen werden.
Lelle und Egi, you’ll never walk alone.
Die Party danach
Die alten Fußballstiefel, das Aufstiegsschweißband und Rum aus dem Kuba-Trainingslager – für den guten Zweck “opferten” Florian Lechner und Marcel Eger bei ihrer Abschiedsparty buchstäblich das letzte Hemd. Bei der großen Sause am Mittwochabend im Knust versteigerten die St. Paulianer jeweils sieben Utensilien aus ihren sieben Jahren beim Kiezklub. Insgesamt 1400 Euro kamen so für Viva con Agua und Dunkelziffer e. V. zusammen. Eger und Lechner feierten mit mehreren hundert Fans und Freunden ausgelassen ihren Ausstand. Mit bengalischen Feuern und Megafon in der Hand stimmten die Publikumslieblinge St.-Pauli-Fangesänge an, anschließend legten Schiffmeister und König Boris von Fettes Brot an den Turntables auf. Bei all den Tränen des Dortmunders Dede, den “rostschen” Ehrenrunden in Hamburg: So feierfreudig wie “Lelle” und “Egi” haben sich zwei Bundesliga-Profis wohl noch nie von ihren Fans verabschiedet.
Ole Zeisler und Nils Kemter
Ole Zeisler










