Geben und Nehmen – das neue Gemeinschaftsding ist eine Trödel-Kabine

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Givebox im Ölmühlenpark (Bilder: J.Eichler)

Givebox im Ölmühlenpark (Bilder: J.Eichler)

Wird Hamburg zur Hauptstadt des Gemeinwohls? Projekte mit einem Sinn für die Gemeinschaft scheinen hier jedenfalls gut anzukommen. Die neuesten Ideen sind jetzt die „Givebox“ und die „Tauschkiste“. Nachdem sich im Frühjahr in St. Pauli schon die gemeinschaftlichen Gartenbauprojekte Gartendeck und Keimzelle etabliert haben, gibt es hier jetzt also zwei gemeinnützige Trödel-Kabinen.

Die eine nahm den Tauschhandel am 24. September in direkter Nachbarschaft zur Keimzelle im Ölmühlenpark auf. In der „Givebox“, die an eine Umkleidekabine ohne Türen erinnert, hängen säuberlich aufgereiht Hemden, Sakkos und Hosen, stehen Bücher, Schuhe und Puzzles in den Regalen. Zum Mitnehmen. Für jeden.
Bei der „Givebox“ geht es – der Name ist Programm – aber vor allem ums Geben. Oder, wie es auf der Facebook-Seite ausgedrückt wird: „Das Konzept (…) hilft anderen Menschen“ und „befreit von Krempel“.


Ordnung muss schon sein

Ordnung muss schon sein

Die Idee für die „Givebox“ kam dem Hamburger Florian Führer mit einem Freund in Berlin. Dort wurde Ende August die erste „Givebox“ aufgestellt. Knapp 3000 Facebook-Fans hat die Box dort schon. In Hamburg muss sich die Idee dagegen wohl erst noch rumsprechen. 225 Fans hat die Seite und Fußgänger reagieren zunächst ratlos auf die Laube mit dem Krempel: Ist das nun Kunst? Oder ist es Kommerz? Kann ich die Sachen hier wirklich mitnehmen?
Die Frage nach dem Kommerz ist nicht ganz unberechtigt, prangt doch der Schriftzug eines kommerziellen Webprojekts auf der Box und den Informationszetteln. Davon wird die „Givebox“ aber lediglich unterstützt, sagt Florian Führer. „Jeder, der eine ‚Givebox‘ aufstellen will, kann das machen, wie er will.“ Dass man sich von einem Sponsor unterstützen lasse, folge lediglich praktischen Erwägungen. Man hoffe einfach, mit dem frei zur Verfügung gestellten Werbematerial noch mehr Menschen zu erreichen. Zum Beispiel auch die Leute, die nicht bei Facebook sind und eine Kleiderspende besondern nötig haben.


Tauschkiste am Paulinenplatz

Tauschkiste am Paulinenplatz

Dass das mit dem Krempel und der Box auch die Gefahr der Verramschung birgt, sah man am Dienstag am Paulinenplatz. Dort steht seit knapp zwei Wochen die sogenannte Tauschkiste. Von außen sieht sie der „Givebox“ sehr ähnlich, nur mit der Ordnung haperte es hier ein bisschen. In Plastiktüten verpackte Decken stapelten sich darin hüfthoch und irgendjemand hatte hier einfach mal zwei Teile einer Polstergarnitur abgeladen.

Aufgestellt wurde die Kiste von Tobias Filmar. Der Psychologe und Tischler hat in einem Artikel über den Erfolg der „Givebox“ in Berlin gelesen. Das mit dem Sofa sieht er kritisch: „Da dachte ich das erste Mal: Mist!“, erzählt er. Das Projekt fordert schon Einsatz von den Initiatoren: Am Mittwoch musste Filmar erst mal entrümpeln. Insgesamt gehe das Projekt aber voll auf. Hier hätten schon Schlittschuhe, Wasserkocher und natürlich viele Klammotten den Besitzer gewechselt. Und im Gästebuch gebe es ausgesprochen positive Resonanz von Anwohnern und Passanten. Filmar sagt: „Die Tauschkiste gehört der Nachbarschaft. Jeder kann sich hier engangieren.“ Trotzdem würde er hier alle ein, zwei Tage vorbeifahren, um nachzusehen ob alles in Ordnung ist.


Die Tauschkiste zieht das Interesse der Polizei auf sich

Die Tauschkiste zieht das Interesse der Polizei auf sich

Ob alles in Ordnung ist, will auch die Polizei wissen. Die bürgernahen Polizisten Lutz Kammann und Sven Ove Johansson inspizieren die Trödel-Kabine am Paulinenplatz auf ihre Sicherheit. Ob das Projekt genehmigt ist, wissen sie zwar nicht, aber solange sich hier nicht übermäßig Müll ansammle, hätten sie erst mal nichts dagegen. Allerdings sei die Genehmigung auch eine Sache des Bezirksamts.

Viel Platz nimmt die Kiste hier allerdings wohl niemandem weg – schließlich steht sie auf einem kargen Sandstreifen. Filmar sagt, ihm sei es darum gegangen, einen vorher ungenutzten Raum mit einem sinnvollen Projekt zu besetzen. Nebenbei macht er damit auch Werbung für seine Initiative, in der er Jugendlichen und bedürftigen Erwachsenen Betreuungsangebote machen will. Die „Tauschkiste“ sei ein guter Weg Veratwortung zu übernehmen, findet Filmar. So könne er sich vorstellen, weitere Kisten aufzustellen, für die dann auch Patenschaften vergeben würden. Das betont auch Florian Führer. „Bitte betreuen!“, rät er Nachahmern. „Alle ein, zwei Tage muss da schon jemand vorbeigehen und entrümpeln.“


Blühendes Gemeinwohl in St. Pauli

Blühendes Gemeinwohl in St. Pauli

Bei den Bewohnern scheinen die Projekte bisher jedenfalls gut anzukommen. Ins Gästebuch der „Tauschbox“ schrieb eine Anwohnerin: „Super Idee! Mehr davon…“

Ob es wirklich mehr davon geben wird? Die blühenden Beete der Gemeinschaftsgärten und die Erfolge der Krempel-Kisten in anderen Städten sprechen – trotz der gelegentlichen Schwierigkeiten – jedenfalls dafür. Florian Führer sagt: „Wir hoffen, dass das weltweit weitergeht.“


Johannes Eichler


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