Flexibles Flimmern: Kino mit Geschmacksverstärker

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Holger Kraus (43), der Veranstalter des Flexiblen Flimmerns (Bilder: S. Hüners)

Holger Kraus (43), der Veranstalter des Flexiblen Flimmerns (Bilder: S. Hüners)

„In Zweierreihen aufstellen, die Knaben hier, die Mädels dort. Und jetzt bitte geschlossen hintereinander in den Klassenraum treten!“ Die Gäste der Kinoreihe „Flexibles Flimmern“, die sich als Einstimmung für den Film „Die Feuerzangenbowle“ einem „kaiserlichen Unterricht“ im Hamburger Schulmuseum unterziehen, grienen im Augenblick noch belustigt.

Kurze Zeit später sitzen die „Buben und Mädels“ mit Schürzen und Matrosenkrägen und altmodischen Namensschildern um den Hals im historischen Klassenzimmer auf harten Holzbänken wie richtige Pennäler und sind einem despotischen „Lehrer“, Schauspieler Gerd Schwaiger, 20 Minuten gnadenlos ausgeliefert. Schulunterricht wie zu Kaisers Zeiten halt, mit Stock und allem, was dazu gehört. Zum Schluss der Inszenierung klingt es brav aus allen Pennälerkehlen: „Der Kaiser ist ein lieber Mann, er wohnet in Berlin. Und wär’ das nicht so weit von hier, so lief’ ich heut noch hin“.

Der Unterricht ist Bestandteil des Programms vom Kino „Flexibles Flimmern“. In der passenden Kulisse des Schulmuseums wird am heutigen Abend der Film „Die Feuerzangenbowle“ gezeigt, gleichzeitig können Besucher die Sammlung besichtigen. Diese ungewöhnliche Verbindung von Kino und Spielorten ist das Markenzeichen des Flexiblen Flimmerns. Seit 2006 bespielt Holger Kraus unter diesem Namen mit einer Art Wanderkino verschiedene Orte der Hansestadt.


Filmabend "Die Feuerzangenbowle" vor der tollen Kulisse des Hamburger Schulmuseums an der Seilerstraße

Gleich startet der Film "Die Feuerzangenbowle" vor der tollen Kulisse des Hamburger Schulmuseums an der Seilerstraße

Verknüpfungen von Kino und Realität gefallen dem Hamburger Cineasten, der im Karolinenviertel lebt. Seien es Martin Scorseses „Casino“ in der Spielbank Hamburg oder Francois Truffauts „Fahrenheit 451“ in der Bibliothek des Aby-Warburg-Hauses oder Léos Carax’ Film „Die Liebenden von Pont Neuf“ unter der Kersten-Miles-Brücke – alle Spielorte haben immer auch einen Bezug zum gezeigten Film. „Man kann Menschen so die eigene Stadt aufschließen“, sagt Kraus.

Mit 16 hat Holger Kraus begonnen, Filme zu sammeln, „wie andere Leute Platten“, so der 43-Jährige. „Auf Video, das war das Medium der Zeit. Und wie das damals halt so üblich war, habe ich zum Beispiel auch Filme aus dem Fernsehen aufgenommen“. Als Student in Göttingen richtete er dann eine Art Hauskino aus. Prägend war für ihn aber vor allem die Zeit in einem Filmclub in Göttingen, der dann mit den Menschen nach Hamburg wanderte. „Da waren so rund 30 Leute im Dunstkreis dieses Clubs und man traf sich immer zum Filmeschauen. Ganz unverkrampft und nicht besonders intellektuell, das fand ich gut“, sagt Kraus.

Er hätte in dieser Zeit viel über Film gelernt und das später immer vermisst; Filme sehen, und im Anschluss noch vor Ort beieinander sitzen und über das Gesehene sprechen. „Das war halt nicht wie im Kino, wo man gleich nach dem Abspann wieder aus dem Saal muss, damit die nächsten mit ihren Popcorntüten hineinströmen können“, sagt Kraus. Stattdessen konnte man sich die Zeit nehmen, allmählich wieder aus der Fiktion wieder herauszukommen. „Jeder hat sein eigenes Tempo“, findet er, und nimmt sich auch heute für das Interview spontan Zeit.


Die Gäste des Flexiblen Flimmern beim "Kaiserlichen Unterricht" mit Schauspieler Gerd Schwaiger

Die Gäste des Flexiblen Flimmern beim "Kaiserlichen Unterricht" mit Schauspieler Gerd Schwaiger

Sein Lehrerstudium (Philosophie und Germanistik) hatte der Cineast irgendwann an den Nagel gehängt. „Ich musste mich selber finanzieren und viel nebenher gearbeitet. Nach 7 Semestern habe ich das dann aufgegeben“, erzählt Kraus. Er wurde Berater für Werbeunternehmen und reiste durch Deutschland. Anschließend machte Kraus noch eine Ausbildung zum Eventmanager und arbeitete siebeneinhalb Jahre in dem Beruf, auch für internationale Kunden. Irgendwann hatte er aber genug davon. „Ich habe meinen gut bezahlten Job gekickt und das Flexible Flimmern ins Leben gerufen“, sagt Kraus.

„Film war bei mir einfach immer dabei, da lag es nahe, etwas in der Richtung zu machen“, sagt er. Ganz wie damals ist das Flexible Flimmern eine Art Filmclub geworden, nur mit ein paar mehr Leuten im Dunstkreis. „Mit 150 Leuten habe ich angefangen, mittlerweile sind etwa 8500 in meinem Verteiler“, sagt Kraus. Dennoch herrscht eine persönliche Atmosphäre, wenn Holger Kraus seine Gäste zu einem neuen Kinoerlebnis einlädt. Man duzt sich und jeder einzelne wird vom Kinomacher am Einlass persönlich begrüßt. Idee, Planung, Organisation, Dekoration, Gästebetreuung und sogar die heute gereichte Feuerzangenbowle inklusive Häppchen aus Biobrot mit Hobelkäse, Feigensenf und Schnittlauch oder Schinken mit Merettich und Sprossen – alles macht Kraus selber.


Die Dekoration hat Holger Kraus selber gemacht

Die Dekoration hat Holger Kraus selber gemacht

„Eigentlich ist das selbstausbeuterisch“, sagt Kraus. Trotzdem kann er von seinem Kinogeschäft einigermaßen leben. „Weil ich es so mische, dass was übrig bleibt“, sagt Kraus. Zum Beispiel veranstalte er Filmabende für Firmen, vornehmlich aus der Kreativwirtschaft. Unter anderem dafür hat er sich seit Anfang des Jahres einen festen Raum angemietet. „Viele Kooperationen konnten oft einfach nicht zustande kommen, da habe ich gedacht, ich riskier das einfach mal“, sagt Kraus. „Projektor – kultureller Raumteiler“ nennt er seinen Kulturort im Schlachthof des Karolinenviertels. Im Januar wird er dort die Geburtstagsparty für das Radio Byte FM ausrichten, mit einem Musikfilm natürlich.

„Der Raum ist mit seiner hohen Miete im Augenblick ein totaler Luxus, den ich mir – und Hamburg – leiste“, sagt Kraus. Einen positiven Nebenaspekt habe das für ihn aber möglicherweise. Für das Wanderkino konnte Kraus bislang keine Filmfördermittel erhalten. „Das geht nur, wenn man eine feste Adresse hat, was bei mir ja nicht der Fall war“, sagt er. „Ich muss zwar Lizenzgebühren zahlen, gelte aber offiziell nicht als Abspielstätte. Dabei mache ich seit über fünf Jahren ein regelmäßiges Programm von zwei bis drei Filmen im Monat“.
Mehrmals hatte er versucht, Gelder zu erhalten und war abgelehnt worden. „Nun habe ich seit Februar die feste Adresse an der Sternstraße. Förderung ist allerdings erst nach einem Jahr Bestehens möglich, bei mir ja eigentlich ein bisschen widersinnig, mich gibt es ja schon seit 2006“, sagt Kraus. Im Februar 2012 könne er es dann aber erneut versuchen und hofft, dass es klappt. Für das Flexible Flimmern hat er bereits Zukunftspläne. „In diesem Jahr habe ich mir einen Bus gekauft“, sagt er. Schließlich gäbe es noch mehr als nur Hamburg und Fördergelder kämen ja wenn auch von der Filmförderung Hamburg-Schleswig-Holstein…

Viel Freizeit bleibt Kraus neben dem Kino nicht, eigentlich finde dort auch sein Sozialleben statt, so der Cineast. Nur manchmal zieht er sich in seinen Schrebergarten in Finkenwerder zurück. Und an einem Tag der Woche macht Kraus mit Freundin Nina gerne Touren durch die Stadt, um Neues zu entdecken. „Ich gehe oft auch mal andere Wege, denn Neugier ist meine herausstechendste Eigenschaft“, sagt er über sich. Manchmal findet er dabei seine Orte für das Flexible Flimmern. „Wenn ich irgendwo hinkomme, kann es sein, dass mir der Film dazu einfällt. Zum Beispiel gab es eine Videothek in Ottensen, da hätte ich gerne die Slacker-Komödie „Clerks, die Ladenhüter gezeigt. Der spielt in einer Videothek, das hätte richtig gut gepasst. Aber der Film war im Verleih einfach nicht zu erhalten. Und als es ihn dann doch gab, hatte die Videothek umgebaut und es passte nicht mehr mit einem Kino“, erzählt Kraus.


Das "konsumintelligente" Publikum macht an diesem Abend einiges mit

Das "konsumintelligente" Publikum macht an diesem Abend einiges mit

Die Kooperationspartner für das Flexible Flimmern wie jetzt zum Beispiel das Schulmuseum profitierten in der Regel von seiner Veranstaltung, meint Kraus. „Ich bringe ein Publikum mit, das konsumintelligent ist“, sagt er. Früher hätte er häufiger den Fehler gemacht, ein wenig wie ein Klinkenputzer daher zu kommen. Heute wäre er da selbstbewusster, schließlich verschafft er den Spielorten auch neue Kundschaft und Umsatz. Viele seiner bunt gemischten Gäste kommen regelmäßig zu seinen Vorführungen, was Kraus besonders freut. Oliver zum Beispiel war mittlerweile bestimmt schon achtmal beim Flexiblen Flimmern dabei. „Der macht das richtig super, der Holger“, sagt er.

Erlebbares Kino, das hat die Filmindustrie schon immer versucht, sei es mit Geruchskärtchen, die man während des Films als Erlebnisverstärker aufrubbeln sollte oder mit 3D-Effekten. Bei Holger Kraus geht das anders. Während die Herrenrunde auf der Leinwand über ihrer heiß dampfenden Bowle auf die Idee kommt, Heinz Rühmann wieder auf die Schulbank zu schicken, dampft auch im Schulmuseum an der Seilerstraße die Feuerzangenbowle im Topf. Die großen Fenster des Saales sind mittlerweile beschlagen und die Stimmung gehoben. Viele der heutigen Kinobesucher und „Kurzzeitpennäler“ werden bestimmt auch im nächsten Jahr wieder dabei sein, wenn „der Holger“ zu einem seiner Filmerlebnisse einlädt.

Susanne Hüners

Hier geht es zum Flexiblen Flimmern.

Hamburger Schulmuseum: Montag – Freitag 8 Uhr bis 16.30 Uhr, sowie jeden ersten Sonntag im Monat von 12 Uhr bis 17 Uhr (nicht im Januar!). Vom 22. Dezember bis 1. Januar geschlossen. Nächster „Kaiserlicher Unterricht“ am Sonntag, 4. März um 15 Uhr, Eintritt: 2/3 Euro; www.hamburgerschulmuseum.de

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