
Radieschen wollen auf dem Gartendeck groß und schmackhaft werden. Das Blümchen ist gärtnerische Kreativität (Bilder: S. Hüners)
Seit Mai 2011 koordiniert Claudia Plöchinger gemeinsam mit Alexander Mayer das Projekt auf St. Pauli. Die Ursprungs-Idee zu einem solchen Garten stammt aus Berlin, erzählt Claudia Plöchinger. Dort gibt es seit drei Jahren den Prinzessinnengarten am Moritzplatz in Kreuzberg. Der Prinzessinnengarten wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, beispielsweise mit dem Jury- und Publikumspreis des Utopia Awards. Nach Hamburg geholt wurde die Idee von Matthias von Hartz, dem Leiter des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel, erzählt Plöchinger.
Gesellschaftlicher Wandel geht nur einher mit kulturellem Wandel, erläutert die 33-Jährige Theaterkuratorin die Grundidee des Projekts. Das Sommerfestival hätte sich zum Ziel gesetzt, Fragen der Nachhaltigkeit in den kulturellen Bereich zu integrieren. Beim Gartendeck geht es darum, wie die kollektive Nutzung von Eigentum neue soziale Strukturen schaffen kann.
Ende vergangenen Jahres begann die Suche nach geeigneten Standorten. Seit einem Monat haben rund 3000 kleine Pflänzchen auf dem Parkdeck im Hinterhof der Großen Freiheit 62-68 ein neues Zuhause gefunden. „In der Zeit davor war das Projekt ganz unsicher, sozusagen eine imaginäre Handlung“, erzählt Plöchinger.
Die ersten Lebenstage der Pflanzen begannen in einem Gewächshaus im Kirchgarten der St. Pauli-Kirche am Pinnasberg. Als die Initiatoren die Nutzungszusage der Stadt für das Parkdeck in der Großen Freiheit bekamen, zog der provisorische Garten um. Alles, inklusive Gewächshaus, wurde am 25. Juni rüber getragen, schön durch die zahlreichen Biker, die während der Harley Days in den Straßen unterwegs waren, berichtet die blonde Frau.
Eine Grundvoraussetzung des Gartendecks wurde an diesem Umzugstag schon einmal erfolgreich bewiesen: Mobilität. Denn langfristig gesichert ist das Areal im Hinterhof der Großen Freiheit nicht, die Nutzung wurde bis November genehmigt. Die Pflanzen müssen daher in Bäckerkisten oder Reissäcken gedeihen.
Alles wirkt noch recht provisorisch hier im neuen Gemeinschaftsgarten auf Pauli. Die Basis auf dem etwa 1300 Quadratmeter großen Gelände zwischen St. Pauli Druckerei und Grünspan muss erst einmal geschaffen werden. Diese Woche sollen die Pflänzchen in ihr Zuhause für einen Sommer gesetzt werden.
Sie werden aus ihren bisherigen Vorziehtöpfen in ein Hochbeet-Schichtungssystem gesetzt. Die Schichten bestehen aus grobem Grünschnitt, Tierdung, feinerem Grünschnitt und Erde. Mit diesem Verfahren soll gleichzeitig angebaut und kompostiert werden. Das Gartendeck möchte möglichst biologisch anbauen.

Ein Menge Erde muss weggeschaufelt werden. Vor allem die kleine Marta freut sich über den braunen Erdhügel
Für ihn ist es ein „Urlaubszeitvertreib“, der zugleich sinnvoll ist: „Das Arbeiten ist produktiv und positiv und dann kommt am Ende auch noch etwas zu Essen dabei raus. Und die Nachbarschaft wächst.“ Da macht es auch nichts aus, dass Marta jeden Tag mit einer neuen schönen bunten Hosenfarbe herkommt, die abends dann immer gleich ist: Nämlich braun. Von der Erde.
Johannes Berns ist freier Redakteur. Er wohnt quasi ums Eck in der Juliusstraße und ist nun beinahe jeden Tag dabei, erzählt er. Was ihn dazu treibt? Die Idee der nachbarschaftlichen Zusammenarbeit, antwortet er. Wenn man mit angenehmen Menschen etwas erschafft.
Gemeinsam mit einem Freund, der ebenfalls auf dem Gartendeck aktiv ist, bewirtschaftet er seit vier Jahren 600 Quadratmeter Schrebergarten in Bahrenfeld. Da konnten beide Erfahrungen sammeln, die sie hier jetzt gut einbringen können. Und Einschlafprobleme hat der 40-Jährige nach einem Tag gärtnern definitiv nicht, sagt er.
Maria Lenthe (50) kommt extra vom Rotherbaum hierher. Gehört hatte sie zunächst vom Berliner Prinzessinnengarten. Das fand sie toll und überlegte, so etwas auch in Hamburg zu machen. Dann erzählte ihr ein Freund vom Gartendeck und sie kam vorbei. „Den Gedanken dieses Projekts finde ich richtig gut. Ich bin besorgt, was global passiert und wie mit der Umwelt umgegangen wird“, erklärt die freischaffende Künstlerin ihre Motivation, während sie das Junggemüse gießt.

Gemeinschaft ist erwünscht beim Gartendeck. Auf dem Tisch: Die "Bibel" - Marie-Luise Kreuters "Biogarten"
Claudia Plöchinger freut sich sehr über Marcell, der heute zum ersten Mal vorbei gekommen ist. Er arbeitet bei Pauli Pizza in der Talstraße. „Da könnt ihr gleich eine Gartendeck-Pizza bei euch anbieten“ scherzt sie.
So läuft es beim Gartendeck. Die Bezüge, Kenntnisse und Vorstellungen der Teilnehmer sollen das Projekt entwickeln. „Es kommen jeden Tag Leute, die Ideen haben“, sagt Plöchinger. Wohin es dann geht, könne man nicht immer sagen. „Je nachdem, an welcher Stelle man mehr gießt, wächst es auch mehr“, stellt sie fest. So auch bei ihr. Gärtnern war vorher undenkbar.
Offen ist die Entwicklung des Projekts auch, wenn im November die Nutzungsvereinbarung ausläuft. Darüber will man sich auf dem Gartendeck noch keinen Kopf machen. Es gibt jetzt genug anderes zu tun. Demnächst wollen zwei Teilnehmer Gartenanfängern Kurse anbieten. Und dann gibt es da noch die Suche nach Kompostbeauftragten. Und die Eröffnung des Sommerfestivals am 11. August auf dem Gelände. Und, und und…
Das Gartendeck sucht noch verschiedene Hilfsmittel, u.a. einen Wohnwagen als mobile Schaltzentrale. Spender wenden sich an: info@gartendeck.de
Susanne Hüners









