Der Schamane Dr. Gereon Boos hat den Laden in der Erichstraße 56 nach dem Tod der ehemaligen Besitzerin Karin Rosenberg im April übernommen. Tochter Kim Rosenberg erbte zwar den Laden, fühlte sich aber nicht in der Lage, ihn zu übernehmen. Gereon Boos sprang ein und kaufte den Hafenbasar – über den Preis darf der 45-Jährige allerdings nichts verraten. Seine erste Aufforderung nach der Begrüßung: Rucksack und Jacke aus – die Besucher sollen im Laden nichts herunterschmeißen.
„Dieses Geschäft ist einzigartig“, erklärt der gebürtige Rheinländer, der seit 1998 in Hamburg und derzeit im Bezirk Mitte wohnt, sein Interesse am Laden. „Täglich entdecke ich neue Objekte in den Regalen“, erzählt er. Er ist zwar der neue Besitzer, „aber wenn ich sage, dass ich alle Stücke kenne, müsste ich lügen“, erzählt er und leuchtet dabei mit einer Taschenlampe in einen besonders versteckten Winkel. „Amerikanische Touristen haben das hier mal als die größte Rumpelkammer der Welt bezeichnet.“
Und in der Tat: In Harrys Hamburger Hafenbasar gibt es jede Menge zu entdecken. Es gibt keine Ecke, kein Regal, das nicht vollgestellt ist mit exotischen Seefahrer-Mitbringseln. Karin Rosenberg hinterließ nach ihrem Tod ein riesiges Sammelsurium. Ihre Tochter Kim, die Enkelin des Ladengründers Harry, konnte das Geschäft nicht weiterführen.
Harrys Hamburger Hafenbasar stand kurz vor dem Aus – bis Boos, ein nicht mehr praktizierender Hals-Nasen-Ohren-Arzt, seine neue Aufgabe als Ladenbesitzer antrat. „Ich bin fasziniert, begeistert. Deshalb habe ich den Hafenbasar übernommen. Ich liebe diesen Laden, dieses Museum, diesen Basar.“
Zu seinem beruflichem Hintergrund erklärt der studierte Mediziner, der zusätzlich einen Master of Business Administration besitzt: „Ich war schon immer offener“. Bei einem Aufenthalt in Äthiopien für „Menschen für Menschen“ kam er das erste Mal mit alternativen Heilmethoden in Berührung. „Ich habe gesehen, wie viel gesünder die Afrikaner sind. Ich merkte, dass es eine Art von Medizin gibt, die ich nicht kannte“, sagt Boos.
In den Anden erlernte er schließlich das Handwerk des Schamanen, dann ließ er sich seine eigene Lehre patentieren: Die Sanalogie, die Lehre von der Gesundheit. Das neue daran ist die Grundlage: anders als die klassisches Medizin, die sich mit dem Heilen von Krankheiten befasst, beschäftigt sich die Sanalogie mit der Erhaltung eines gesunden Körpers. Eigentlich sei er auf der Suche nach passenden Räumlichkeiten gewesen, um seine patentierte Lehre zu praktizieren. Doch dann kam der Tod Karin Rosenbergs und die Ungewissheit des Hafenbasars.
„Ich möchte, dass dieser Laden erhalten bleibt“, erklärt der Schamane seine Motivation. „Ich liebe diesen Ort. Alles hier ist voller Möglichkeiten. Wir haben hier die Welt auf dem Präsentierteller“, erzählt Boos fasziniert. In jedem Stück des Ladens verberge sich auch ein Heilungspotenzial. „Man muss nur daran glauben.“
Die Vielfältigkeit und die Möglichkeit, fremde Kulturen kennenzulernen, möchte er erhalten. „Das ist aber hier in der Erichstraße nicht möglich“, sagt der Sanaloge. Die „gruseligen“ Kellerräume, die unter St. Pauli hindurchführen, sind feucht. Holzwürmer greifen die zahlreichen Figuren an.
Darüber hinaus kommt eine Vielzahl der zur Zeit noch gestapelten und im Keller versteckten exotischen Figuren und Masken nicht zur Geltung – die Ladenfläche ist einfach zu klein. Deshalb sei er auch gerade auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten – wenn möglich, nicht mehr in der Erichstraße, sondern nah am Wasser. „Ich fühle mich in dieser Gegend nicht wohl“, verkündet er.
Gerade plane er ein neues Konzept. „Ich würde gerne ein Museum errichten, dann wäre es nicht nur ein Basar“. Und dies stellt er sich wie folgt vor: „Man kommt herein in das Museum, und dann gibt es ein Café und – ganz wichtig – Schließfächer.“ Durch die Räume hindurch sollen labyrinthartige Gänge führen, „die aber eine Perspektive bieten und weniger voll mit Krimskrams sind“, erläutert der Schamane weiter.
„Informationen zu den einzelnen Stücken sind mir sehr wichtig“, erzählt Boos. In dem neuen Museum sollen – wie er es bereits jetzt schon im Laden in der Erichstraße begonnen hat – Themenecken entstehen. Dem Besucher sollen Informationen geboten werden, etwa über Tafeln oder über Codes für Handys.
Den Charakter des Basars wolle er erhalten – käuflich ist fast alles. „Aber in dem Museum wird es einen Raum geben, in dem sich die unverkäuflichen Raritäten befinden“, erzählt Boos. Nicht käuflich sind etwa ein Schrumpfkopf oder auch Schnitzereien aus Ebenholz. Diese Stücke erkennt der Besucher von Harrys Hafenbasar derzeit noch an der Kennzeichnung mit einem roten Punkt.
„Wir haben hier ein Erbe, nicht nur das der Rosenbergs, auch der Stämme aus Afrika und der ganzen Welt“, schwärmt Boos. „Dieses Erbe zu erhalten ist meine Lebensaufgabe“, erzählt er. „Ich sitze hier bis nachts um 12 Uhr und lese, recherchiere, entmülle und katalogisiere – kurzum: ich bilde mich“.
Sein Lieblingsstück unter den mehr als 300.000 Raritäten? „Das ist nahezu unmöglich zu sagen.“ Jedoch verweist er gerne auf den Eisbären, der über der Eingangstür steht. Da die ehemalige Besitzerin Karin Rosenberg in den Räumlichkeiten des Hafenbasars rauchte, verfärbte sich das ausgestopfte Tier. „Mit dem Schmutzbären kann ich durch die Blume sagen, dass Rauchen schädlich ist“, sagt Boos mit einem Lächeln. „Und natürlich mag ich alle weiblichen Gallionsfiguren“.
Der Seemann Harry Rosenberg, der sich aus gesundheitlichen Gründen an Land niederlassen musst, gründete den Hafenbasar zu Beginn der 1950er Jahre. Ursprünglich war der Laden als Plattform für Briefmarken- und Münzhandel gedacht, bis sich Rosenberg 1954 entschied, eine Tauschbörse für exotische Mitbringsel zu gestalten.
Christin Müller
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Harrys Hamburger Hafenbasar in der Erichstraße 56: Täglich von 12 bis 17 Uhr. Auf Anfrage sind auch nächtliche Führungen buchbar. Ansprechpartner: Gereon Boos, 0171 – 49 69 169










