Stadtteilrundgang: Sexarbeit – Einblicke ins Rotlichtmilieu

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Auf den Spuren der Vergangenheit. Nur die Fassade hat sich geändert. (Bilder: P. Kühn)

Auf den Spuren der Vergangenheit. Nur die Fassade hat sich geändert. (Bilder: P. Kühn)

Sonntagnachmittag. Hamburger Wetter. Katerstimmung auf St. Pauli. Eigentlich alles andere als ideale Voraussetzungen für einen ausgedehnten Kiezspaziergang und ein guter Vorwand, die eigenen vier Wände nicht zu verlassen. Trotzdem hat sich ein gutes Dutzend Rotlicht-Interessierter am U-Bahnhof St. Pauli versammelt, um bei einem gemeinsamen Kiezrundgang mehr zum Thema Sexarbeit auf St. Pauli zu erfahren.

Eingeladen hat die „Kurverwaltung St. Pauli“, ein Verein, der soziale und kulturelle Projekte unterstützt, Projekte „vor allem für die Menschen, die nicht vom Tourismus profitieren, sondern manchmal auch darunter leiden.“ Hierfür hatte man 1998 die Idee, St. Pauli zum Kurort zu erklären und von jedem Kiezbesucher – immerhin rund 20 Millionen pro Jahr – eine geringe Kurtaxe einzufordern. Die allgemeine Kurtaxe ist Utopie geblieben. Stattdessen wird für die Stadtteilrundgänge ein geringes Entgelt erhoben – so konnten letztes Jahr insgesamt 20.000 Euro im Stadtteil verteilt werden. Inoffizieller Kurort ist St. Pauli tatsächlich geworden.

Wie ein Kuraufenthalt fühlen sich die ersten – stehend verbrachten – Minuten des Rundgangs allerdings nicht an. Die Temperaturen liegen knapp unter dem Gefrierpunkt und der eisige Wind offenbart jede Schwäche der eigenen Bekleidung. Doch bereits die ersten Ausführungen von Stadtführerin Stefanie Könnecke sorgen für leichtes Staunen und lassen die Kälte kurzzeitig in Vergessenheit geraten. Die Herkunft des Begriffs „Zuhälter“, die Summe, die jährlich mit Prostitution in Deutschland umgesetzt wird, oder das schlagkräftige Engagement Corny Littmans gegen Homophobie – alles Fakten und Geschichten, die nicht nur für Touristen interessant sind. Offensichtlich. Denn unter den 14 Rundgängern befindet sich genau ein Nicht-Hamburger. Ein junger Berliner, der von seiner auf St. Pauli lebenden Oma „auf den Stadtteilrundgang geschickt wurde.“ Alle anderen sind hier zu Hause.

Das Logo der "Kurverwaltung St. Pauli".

Das Logo der "Kurverwaltung St. Pauli".

Was folgt, sind 90 unterhaltsame Minuten Fußmarsch quer durchs Rotlichtviertel. Unterbrochen durch diverse Zwischenstopps an geschichtsträchtigen Orten, wie der Herbertstraße, der Ritze oder der Olivia Jones Bar in der Großen Freiheit. Ansich nichts Neues für einen Hamburger, allerdings sorgt die eine oder andere Anekdote für staunende Blicke. Und für Gelächter: „Billy-Regale sind SM-inkompatibel. Deswegen kann man hier bei Bedarf Räume mieten“, erläutert Stefanie Könnecke und verweist auf das „Touch“ in der Erichstraße. Aber auch die weniger amüsanten Seiten des „ältesten Gewerbes der Welt“ werden thematisiert.

Während wir direkt vor der berüchtigten Ritze stehen, folgen wir aufmerksam der Geschichte vom ersten Auftragsmord innerhalb des Milieus, der Anfang der 80er Jahre genau hier stattgefunden hat – und einen blutigen Bandenkrieg um die zwielichtigen Geschäftsfelder zur Folge hatte. Heute werden hier wohl eher kleinere „Geschäfte“ erledigt. Zumindest lassen der strenge Geruch und die riesigen Lachen auf dem Boden darauf schließen – Spuren der letzten Nacht.

Zum Abschluss landen wir in der Talstraße. „Hier war der letzte Wohnsitz von Domenica Niehoff. „Es gibt wohl niemanden, der so viel für die Anerkennung von Prostitution getan hat“, erzählt Stefanie. Ein Engagement, das von so manchem Zuhälter kritisch beäugt wurde, da die berühmte Ex-Prostituierte sich auch für die Unabhängigkeit der Frauen eingesetzt hat.
Aber auch hier gilt, was zu diesem Thema wohl allgemeine Gültigkeit besitzt. Sich als Außenstehender ein Leben im Milieu vorzustellen ist sehr schwierig, denn „es ist unmöglich und anmaßend, sich da hineinversetzen zu wollen“, betont Stefanie. Es ist genau diese angenehme Ehrlichkeit und Unaufgeregtheit, die den Stadtteilrundgang zu etwas Besonderem machen – auch für Alteingesessene. Man merkt, dass hier jemand von St. Pauli erzählt, der selber in diesem Stadtteil zu Hause ist
Beim abschließenden gemeinsamen Kaffee treffen wir dann noch die Oma des jungen Berliners aus unserer Reisegruppe: „Ich hoffe, mein Enkel hat aufmerksam zugehört…“ Hat er bestimmt!

Infos zur Kurverwaltung und zu Touren finden sie hier: kurverwaltungstpauli.de

Philip Kühn

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