Zehn Jahre „Gesundheitszentrum St. Pauli“: Ambulanz, Therapie und Wellness

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Julia Fischer-Ortmann hilft unter anderem schwer traumatisierten Flüchtlingen (Bild: D. Conrad)

Julia Fischer-Ortmann hilft unter anderem schwer traumatisierten Flüchtlingen (Bilder: D. Conrad)

„Die Menschen bekommen die Bilder nicht aus dem Kopf. Sie haben zu viel Gewalt erlebt, oft am eigenen Leib“, berichtet Julia Fischer-Ortmann von ihrer Arbeit. „Haveno“ heißt die Praxis im Gesundheitszentrum St. Pauli. Zusammen mit ihren Kollegen arbeitet Fischer-Ortmann im Bereich der Traumatherapie – besonders für Flüchtlinge, die aus den Krisen- und Kriegsregionen kommen. „Haveno“ ist eine von vielen medizinischen und psycho-sozialen Beratungsstellen am „Gesundheitszentrum St. Pauli“. Das feiert am kommenden Sonnabend (24. September) seinen 10. Geburtstag.

„Nach dem Aus für das Hafenkrankenhaus war für uns klar, dass mindestens so etwas wie das Gesundheitszentrum entstehen müsste“, blickt Reinhard Laskowski, der Sprecher des Vorstands des Trägervereins „Gesundheitszentrums St. Pauli“, zurück. Damals hatten viele Initiativen für einen Erhalt des ehemaligen Krankenhauses protestiert. Ein völliger Ausfall der traditionsreichen Versorgungseinrichtung im Stadtteil zwischen Landungsbrücken und Reeperbahn war vielen in der Hansestadt ein Dorn im Auge. Der Kompromiss: Auch wenn das Krankenhaus nicht weiter betrieben wird, soll das Gelände für medizinisch-therapeutische Zwecke genutzt werden. Vier Jahre nach der Schließung des Hafenkrankenhauses konnten im September 2001 die neue Institution als „Gesundheitszentrum St. Pauli“ an den Start gehen.


Einst das "Hafenkrankenhaus" heute das "Gesundheitszentrum St. Pauli": Der Altbau (Bild: D.Conrad)

Einst das "Hafenkrankenhaus" heute das "Gesundheitszentrum St. Pauli": Der Altbau

Auch wenn erst mühsam die Dinge ins Laufen kamen, ist das Zentrum heute einerseits eine zentrale Anlaufstelle für Menschen, die sich Linderung ihrer Leiden versprechen oder etwas präventiv tun wollen. Andererseits gibt es vielfältige Beratungsangebote, Obdachlosenhilfen und eine Ambulanz für Notfälle. Sport und Wellness ergänzen den ganzheitlichen Anspruch. 200.000 Besucher kommen jährlich in die Praxen und Therapieeinrichtungen: „Wir sind in dieser Form bundesweit einzigartig. Der Mensch soll bei uns im Fokus stehen“, stellt Laskowski klar. Im Zentrum profitieren Besucher und Fachleute vom Austausch – der auch schon mal im zentral gelegenen Café „Haus 5“ in der Mittagspause stattfindet. „Hier kann man schnell mal einen Kollegen um Rat fragen oder sich über neue Therapieansätze austauschen“, erklärt Laskowski.

Laskowski hat selbst eine Praxis auf dem Gelände: der Heilpraktiker ist Experte für traditionelle chinesische Medizin. Zu ihm kommen auch viele Patienten, die als „austherapiert“ gelten. „Ich will die Schulmedizin nicht völlig verurteilen, aber in vielen Fällen werden immer noch nur Symptome behandelt. Der Fokus müsste auf die Prävention gelegt werden. Dazu ist es wichtig, sich genügend Zeit für die Patienten zu nehmen – und die wird im Gesundheitssektor immer knapper.“


Der Eingang zum Gesundheitszentrum: Die überdachte Pforte führt zu den insgesamt sechs Häusern des Zentrums (Bild: D. Conrad)

Der Eingang zum Gesundheitszentrum: Die überdachte Pforte führt zu den insgesamt sechs Häusern des Zentrums

Seiner Patientin Monika G. hilft Laskowskis Therapie – eine Stunde hat er sich für die genaue Analyse des Krankheitsbildes Zeit genommen. „Vertrauen aufzubauen, ist das Entscheidende“. Die 60-jährige leidet unter Depressionen und Angstzuständen: „Ich habe im letzten halben Jahr sehr wichtige Menschen verloren. Ohne die Hilfe von Herrn Laskowski hätte ich das kaum so gut überstanden.“ Sie hofft dank der Akupunktur, die Laskowski unter anderem bei ihr einsetzt, nach und nach ganz auf ihre immer noch notwendigen Tabletten verzichten zu können. „Ich habe viele Ärzte konsultiert und einiges ausprobiert, aber Erfolg sehe ich erst jetzt.“ Laskowski hält fest: Alternative Heilverfahren, die im Gesundheitszentrum stark vertreten sind, können die klassische Schulmedizin mindestens gut begleiten: „Wir versuchen, hier das Nebeneinander der Therapien als Chance für die Patienten zu sehen.“

Bei manchen Hilfsbedürftigen ist schon ein warmes Essen die beste Medizin. Das „CaFée mit Herz“ und die Krankenstube für Obdachlose sind stadtweit bekannte Einrichtungen des Gesundheitszentrums. „Die Hemmschwelle ist hier nicht so groß wie zum Beispiel in einem Krankenhaus“, sagt Laskowski. Doch damit solche medizinischen und therapeutischen Hilfen im Zentrum angeboten werden können, sind die meisten von Spenden und staatlichen Förderungen abhängig.


Bewegungsspiele für die Jüngsten: Ein früh entwickeltes Körpergefühl hilft im späteren Leben (Bild D. Conrad)

Bewegungsspiele für die Jüngsten: Ein früh entwickeltes Körpergefühl hilft im späteren Leben

Ein großes Projekt mit vielen Helfern ist dem „Chon-Jie-In Haus Hamburg“ auf dem Gelände gelungen. Der Verein bietet „Shinson Hapkido“ an – ein aus Korea stammendes Entwicklungs- und Bewegungstraining für jedes Alter. „Vom Krabbelalter bis zum Greis“, sagt Lehrmeister und Projektleiter Uwe Bujack verschmitzt. Mit viel Liebe zum Detail hat der Verein das ehemalige Krankenhaus-Gebäude über Jahre in einen tempelartigen Do-Jo verwandelt. Es wird laut während des Interviews, in der ersten Etage leitet Lehrerin Mandy Megies die Jüngsten an. „Ganz spielerisch, aber wichtig, um das eigene Körpergefühl kennen zu lernen. Das kann für das spätere Leben entscheidend sein“, erklärt Bujack. Als es dem Seniorenstift gegenüber einmal zu laut wurde, lud der Verein kurzerhand zu einer Präsentation ein. Faszination war die Folge – seitdem gibt es eine Seniorengruppe. „Unsere ältesten Teilnehmer sind weit über 80“, sagt Bujack stolz. Auch zum Jubiläum präsentieren sich die Trainingsgruppen. Wer mitmachen will, ist herzlich eingeladen.

Geburtstagsfeier „Zehn Jahre Gesundheitszentrum St. Pauli“: Sonnabend, 24. September, 12.00 bis 17.30 Uhr, Seewartenstraße 10, Infos auf der Webseite des GZ St. Pauli


Daniel Conrad

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