Frage der Woche (29): Welche „Street-Art“ findest Du in Deinem Quartier bemerkenswert?

{lang: 'de'}

Jede Woche beantworten die Stadtteilreporter eine Frage zu ihrem Viertel. Diese Woche geht es um Graffiti und andere Malereien an Hauswänden und Verteilerkästen. Die Stadtteilreporter verraten, wo es in ihrem Quartier für sie sehenswerte „Street-Art“ gibt.

Stadtteilreporterin Marthe Rennert:

In der Clemens-Schultz-Straße seilt sich die schwarze Witwe ab (Bild: M. Rennert)

In der Clemens-Schultz-Straße seilt sich die schwarze Witwe ab (Bild: M. Rennert)

Heute war ich auf der Suche. Dabei bin ich zweimal fast von einem Auto überfahren und einmal wüst beschimpft worden.

Kurz darauf zog ich mir dank eines Verkehrsschildes eine Beule am Kopf zu und später trat ich in einen frischen Hundehaufen.

Jetzt riecht es streng in meiner Wohnung und nachher bekomme ich bestimmt Albträume. Was hat die denn wieder gemacht, fragt ihr euch jetzt und schüttelt verständnislos den Kopf, nicht wahr?


Was uns der Künstler damit wohl sagen will? (Bild: M. Rennert)

Was uns der Künstler damit wohl sagen will? (Bild: M. Rennert)

Ich habe aber eine vernünftige Erklärung für meine Aussetzer und Pannen. Ich war nämlich in einer anderen Welt. Die ist streng geheim und vor allem verboten!

Street-Art nennt sie sich, oder auch „Wildplakatierung“, wenn man das Gesetz fragt. Gibt Strafen und Bußgelder und so. Deswegen frag ich lieber nicht. Ich geh‘ besser noch eine Runde durch die Straßen von St. Pauli und riskiere mein Leben auf der Suche nach Street-Art.

Will jemand mitkommen? Dann gibt es hier ein paar Tipps: Kommt tagsüber. Seid nüchtern. Guckt auf die Hauswände, Laternen, Stromkästen. Guckt nach oben und nach unten (aber verliert um Himmels willen nicht die Straße aus dem Blick!). Ihr werdet staunen, was in St. Pauli los ist!


Street-Art macht die Welt bunter und schöner (Bild: M. Rennert)

Street-Art macht die Welt bunter und schöner (Bild: M. Rennert)

Da fliegen aus einem winzigen Loch zwei Schmetterlinge.

Um die Ecke wird eine Regenrinne von einem zähnefletschenden Monster bewohnt.

Am Park Fiction friert ein blaues Alien in Unterhosen. 

An der Hausnummer 7 in der Clemens-Schultz-Straße seilt sich eine schwarze Witwe ab und wer hier klingelt, dem könnte eine Kakerlake über die Hand laufen.


Am Park Fiction friert ein blaues Alien in Unterhosen (Bild: M. Rennert)

Am Park Fiction friert ein blaues Alien in Unterhosen (Bild: M. Rennert)

Es ist eine merkwürdige Welt. Alice im Wunderland für Erwachsene.Schwarze Katzen („Le Miez“), riesige Vögel, seltsame Ungeheuer und viel Kriechtier lebt auf St. Pauli.

Oft blieb ich heute stehen, legte den Kopf schief,  rieb mir fachmännisch das Kinn und suchte nach einer Botschaft.


"the medium is the message" (Bild: M. Rennert)

"the medium is the message" (Bild: M. Rennert)

Was will uns der Künstler damit sagen, wenn er ein kleines Croissant an die Wand klebt? Ist er ein Franzose, der seine Heimat vermisst oder hat er einfach nur Hunger?

Brot für die Welt? Esst mehr Backwaren? Ist er ein Anhänger der bösen Brötchensekte oder hat sich hier eine Bäckereikette eine subtile Werbung ausgedacht, die unser Verlangen nach frischen Croissants wecken soll?

Das wäre übrigens wieder erlaubt – nennt sich Guerilla-Marketing und soll vor allem unsere Aufmerksamkeit erregen.


"Le Miez" wohnt auf dem Hamburger Berg (Bild: M. Rennert)

"Le Miez" wohnt auf dem Hamburger Berg (Bild: M. Rennert)

Das hat sich vermutlich auch der Schöpfer von St. Mausi gedacht.

Seit Wochen bevölkert eine Kreuzung aus Nagetier und Nasenbär die Straßen Hamburgs. In allen Formen und Farben klebt „es“ an Ampeln, Mauern und Mülleimern, mal als Marsupilami, mal als Schlumpf verkleidet, manchmal hat es Würmer auf dem Kopf oder spielt Gitarre.

Was der Künstler uns damit sagen will? Man weiß es nicht. Seine Wirkung hat es trotzdem nicht verfehlt – auf Facebook hat Frau Maus mehr als 500 Freunde.


Alice im Wunderland für Erwachsene (Bild: M. Rennert)

Alice im Wunderland für Erwachsene (Bild: M. Rennert)

Aber zurück zur Frage nach der Botschaft. Je länger ich das kleine Croissant betrachte, umso mehr drängt sich mir der Gedanke auf, dass es vielleicht gar keine Botschaft gibt. Dass das Croissant selbst die Message ist. Jawohl, das gefällt mir schon besser.

Street-Art spricht einfach für sich. Sie ist Ausdruck einer Generation, die sich gegen die Gentrifizierung wehrt, gegen die Konsum- und die Kapitalgesellschaft. Und gegen alles andere irgendwie auch. Will sagen: Wir gestalten uns die Welt, wie sie uns gefällt. Wir brauchen keine Botschaft. Wir sind die Botschaft! Während unsere Eltern noch nackt in Woodstock tanzten (was heute ja wieder verboten wäre), werden wir kreativ. Wir machen Kunst und protestieren auf unsere Art. Wir machen Street-Art!


Lang lebe die Street Art! (Bild: M. Rennert)

Lang lebe die Street Art! (Bild: M. Rennert)

So. Und jetzt werde ich meine Beule in Gips gießen und das Gebilde an Ampeln, Briefkästen und Hauswände kleben; eins kommt neben das Croissant.
Lang lebe die Street-Art!

 

{lang: 'de'}
Be Sociable, Share!
Dieser Beitrag wurde unter Frage der Woche veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.